Wissenschaft und metaphysisches Weltverständnis

Dr. Olaf Engler (Institut für Philosophie), Dipl. Biol. Günther Jirikowski  (Institut für Biowissenschaften, jetzt: Dr. Günther Loose) , Prof. Dr. Stefan Richter (Institut für Biowissenschaften), Prof. (emer.) Dr. Udo Kern (Theologische Fakultät), Prof. (emer.) Dr. Dieter G. Weiss (Institut für Biowissenschaften) und Prof. Dr. Hans Jürgen Wendel (Institut für Philosophie)

Mit den großen naturwissenschaftlichen Theorien (Kosmologie und Kosmogonie, Evolutionstheorie(n), Relativitätstheorie und Quantentheorie) versuchen die Wissenschaften einen verlässlichen und überprüfbaren Beitrag zum Weltverständnis zu leisten. Dabei herrscht die Auffassung vor, mit ihren Theorien immer mehr Bereiche des Wissens zusammenzuführen und zu einem einheitlichen Weltverständnis zu integrieren.

Die Frage, inwieweit auch naturwissenschaftliches Wissen und Erkenntnis dem Zeitgeist unterliegen, beschäftigt in der Physik vor allem den Bereich der Geschichte der Relativitätstheorie, in den Biowissenschaften vor allem die Bereiche, die mit Fragen der Evolution beschäftigt sind, aber auch Bereiche, die von immer rascher voranschreitendem Erkenntnisgewinn durch neue Methoden und Geräte gekennzeichnet sind (Zellbiologie, Gentechnik etc.). Wissenschaftshistorische Betrachtungen sollen hier helfen, Klarheit in der Frage der Erkennbarkeit und Bewertung von Zeitgeistbeeinflussung zu bringen. 

Der andere Bereich, in dem wechselseitige Beeinflussungen vorkommen können, ist das Ineinanderfließen und Vermengen von weltanschaulich-metaphysischen mit einzelwissenschaftlichen, vor allem naturwissenschaftlichen Inhalten. Es ist daher wichtig, zu prüfen, ob es möglich und sinnvoll ist, Inhalte beider Richtungen zur vereinen, oder ob diese Vermischung, wie vor allem von Naturwissenschaftlern gefordert, grundsätzlich vermieden werden muss und wie sich dann das Verhältnis von Wissenschaft und Philosophie (und Theologie) gestalten kann. Im Mittelpunkt stehen dabei insbesondere folgende Problemfelder:

Schöpfung: Das Verhältnis weltanschaulich-religiöser Erklärungsweisen der Entstehung der Welt, des Lebens und des Menschen zu den naturwissenschaftlichen Erklärungen unterliegt in besonderer Weise einem Wandel, der sowohl vom naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt als auch vom Zeitgeist abhängig ist. Durch die hohe Selbstbetroffenheit des Menschen werden die objektive Abgrenzung der beiden Erklärungsweisen, die notwendige Beschränkung beider auf die ihnen zukommenden Fragenbereiche und die Vermeidung von Zeitgeisteinflüssen besonders schwierig. Hier ist der Diskurs zwischen Theologen, Philosophen und Naturwissenschaftlern gefragt, um die im Allgemeinen schädlichen fundamentalistischen Ansprüche der weltanschaulichen Gruppen, der Wissenschaft und der Politik zu vermeiden (Kreationismus, Verbot der Relativitätstheorie unter Stalin, Mitschurin und Lyssenko als Begründer einer marxistisch-leninistischen Genetik und Züchtungslehre, die „deutsche“ Physik).

Evolution: Seit Linné, besonders aber seit Darwin spielen Fragen zur Stellung der natur­wissen­schaftlichen Erkenntnis im Verhältnis zu Ansprüchen aus religiösen Kreisen (Evolutionstheorie vs. religiösem Fundamentalismus und Intelligent Design) eine immer größere Rolle. Hier können Beiträge zu den Fragen der Theoriebildung in den Naturwissenschaften sowie zum Problem der Vermischung von vermeintlichem naturwissenschaftlichem Wissen mit Zeitgeist-Strömungen (Ernst Haeckel, Rassenlehre, Intelligent Design) geleistet werden. Die auch in anderen Gebieten der Wissenschaft oft gestellte Frage nach der Sinnhaftigkeit der Welt und der Zielgerichtetheit (Teleologie) ihrer Entwicklung tritt vor allem bei der Evolutionstheorie mit Macht zu Tage. Während das biologische Verständnis der Evolutionsmechanismen allenfalls eine innere Teleologie zulässt, im Sinne einer nachträglich beobachtbaren Optimierung der Anpassung der Organismen, wird aus weltanschaulicher Sicht auch die äußere Teleologie postuliert, die einen höheren Verstand als spiritus rector erfordern und die Frage nach einem Ziel der Evolution zulassen würde.

Evolution und Erkenntnistheorie: Es gilt, das erkenntnistheoretische Potential der evolutionstheoretischen, wissen­schaftlichen Arbeit für die Erkenntnis von „Wirklichkeit“ kritisch-konstruktiv zu untersuchen. Perspektiven und Grenzen der Evolutionstheorie sind profiliert herauszuarbeiten, damit die konstruktiven evolutionär gesetzten „Produkte“ erkenntnistheoretischer wissenschaftlicher Arbeit produktiv erkenntnistheoretisch Gewinn bringend sich einstellen.

Weltverständnis: Die zumeist wechselseitige Ablehnung der genuinen Rollen der verschiedenen Einflüsse von theoretischen Richtungen, die zum Weltverständnis beitragen, ist meistens mit fehlenden Kenntnissen über die jeweils andere Seite oder überhaupt mit mangelnder Bildung verknüpft. Besinnung auf die Grundlagen der wissenschaftlichen Wissensbildung, auf die Grenzen ihrer Aussagekraft und auf die Trennung von wissenschaftlichem und weltanschaulichem Gedankengut sowie die Erkennung von Zeitgeistströmungen kann hier Klarheit schaffen und überflüssige, Erkenntnisgewinn wenig befördernde Konfrontationen, vermeiden. Die Beschäftigung mit der Frage der Kultur- und Zeit-Invarianz des wissenschaftlichen Wissens in einer physikalisch-biologisch und soziokulturell sich dauernd verändernden Welt wird somit ein Ziel der Bemühungen der gesamten Forschergruppe sein.