Historische Theorie des Wissens

Am ZLWWG wird die zentrale Stellung, Funktion und Leistung von Wissen in menschlichen Gesellschaften näher beleucht und dabei dessen Schlüsselfunktion zum Verständnis der Welt und als Ressource gemeinschaftlichen Denkens und Handelns untersucht. Wissen wird dabei seit Platon als wahre gerechtfertigte Meinung verstanden (Platon: Theaitetos, 201a-d).

Hier bleibt zunächst festzuhalten, dass Wissen in seinen vielfältigen Formen zu denjenigen prägenden Elementen der menschlichen Kultur gehört, von denen alle anderen Errungenschaften und Leistungen wesentlich beeinflusst werden. Es ist dabei einerseits selbst als Kulturleistung anzusehen und kann daher im Rahmen verschiedener historischer, geographischer und kultureller Gemeinschaften unterschiedliche Formen annehmen, andererseits beeinflusst es alle anderen Kulturleistungen. 

Bezogen auf den Horizont eines in den Wissenschaften vorhandenen, sozial vernetzten und kulturhistorisch verankerten sowie auf verschiedene Weisen repräsentierten Vorrats an Wissensressourcen, erfüllt Wissen vier wichtige Funktionen: es dient als Quelle und Fundus des theoretischen Weltverständnisses und hängt damit von Formen der Wissensrepräsentation, -archivierung und -tradierung ab; es ist in praktischer Hinsicht Orientierungs- und Ordnungsressource, die insbesondere in Informations- und Bildungskontexten adaptiert und sozial tradiert wird; es gibt einen historischen, geographischen, kulturellen und vor allem auch wissenschaftsspezifischen Horizont möglicher Themen und Probleme vor, der in Entstehungs-, Entwicklungs- und Rechtfertigungszusammenhängen nur begrenzt überschritten werden kann und die Verfügbarkeit von Wissen ist als technologische Ressource nicht zuletzt ein entscheidender Standortfaktor im ökonomischen Wettbewerb und notwendige Bedingung für den kumulativen Fortschritt in einer globalisierten Welt.

Zweifellos leben wir heute in einer durch die Resultate und Methoden der verschiedenen Wissenschaften geprägten Welt. Infolgedessen scheint es zunächst so, als sei unser Weltverständnis allein durch eine bestimmte Form von Wissen, nämlich das moderne wissenschaftliche Wissen, ausgezeichnet. Dies ist jedoch nicht der Fall. Wie insbesondere die Wissenschaftsgeschichte gezeigt hat, lassen sich aus verschiedenen Perspektiven Alternativen zur heutigen wissenschaftlichen Weltauffassung aufzeigen. Es gibt demnach neben dem wissenschaftlichen Wissen auch noch andere Formen von Wissen, die sich im Rahmen verschiedener historischer, geographischer und kultureller Gemeinschaften und Kontexte herausgebildet haben. Beispiele hierfür sind die verschiedenen Formen des Alltagswissen oder der lebensweltlichen Erfahrung; historisch gesehen das antike Wissen oder das Wissen der Neuzeit; systematisch betrachtet aber auch Formen von Wissen mit Bezug auf unterschiedliche Wissenschaften.

Vor diesem Hintergrund werden derzeit am ZLWWG in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin Studien zu einer historischen Epistemologie durchgeführt. Daneben wird zum Strukturellen Realismus, zur Urteilsbegründung und zu Wahrheitsbedingungen für Wissenszuschreibungen geforscht.