Transformation des Wissens

Die Forschungen am ZLWWG zu den Transformationen des Wissens betreffen historische Prozesse der Entstehung und langfristigen Entwicklung des Wissens in den Wissenschaften. Dabei werden insbesondere tief greifende Umstrukturierungen von Wissenssystemen in der Geschichte des wissenschaftlichen Wissens studiert.

Als Wissenssysteme werden die tradierten Wissensbestände in einem bestimmten historischen Kontext bezeichnet. Darunter fallen die theoretischen und praktischen Wissensressourcen, aber auch die intuitiven Bestandteile des Alltags- und Erfahrungswissens. Ein wesentlicher Aspekt der Entwicklung des wissenschaftlichen Wissens ist ihr kumulativer Charakter, der auf der kulturellen Evolution von Methoden, Instrumenten und Technologien beruht. Dabei kann es von Zeit zu Zeit aber auch zu Innovationen kommen, die wissenschaftliche Revolutionen nach sich ziehen, die wiederum zu weiträumigen Umordnungen und Neubestimmungen von Wissenssystemen führen.

Hierbei stellt sich die Frage, ob die Untersuchung dieser historischen Prozesse nur als eine beschreibende Wissenschaftsgeschichte möglich ist, oder ob es eine historische Theorie des Wissens gibt, die ein Verständnis der Umstrukturierungen und Neubewertungen von Wissenssystemen unter rationalen Maßstäben ermöglicht. Oder anders gefragt: Ist die Geschichte des Wissens trotz der Kontingenz ihrer kulturhistorischen Kontexte und einiger tief greifender Umbrüche durch eine Art wissenschaftlicher Rationalität bestimmt, die Maßstäbe für den Anspruch der Wissenschaft auf objektives Wissen vorgibt?

Derzeit wird am ZLWWG in Kooperation mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte Berlin an einer historischen Theorie des Wissens gearbeitet, die rationale Maßstäbe für den Anspruch der Wissenschaft auf objektives Wissen formuliert, die sich in zweckbestimmten und wertdurchsetzten kulturellen Praktiken konkretisieren. Aktuelle Projekte beschäftigen sich fächerübergreifend mit der Transformation wissenschaftlichen Wissens in den Lebens- und kognitiven Neurowissenschaften und dem Verständnis der Umstrukturierung von komplexen Wissenssystemen infolge der tief greifenden wissenschaftlichen Revolutionen in der modernen Physik und experimentellen Psychologie am Beginn des 20. Jahrhunderts im Zusammenhang mit der aufklärerischen Bewegung der wissenschaftlichen Philosophie.